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Aus dem Beratungsalltag

Das Ringen um Leben Im Folgenden stellen wir Ihnen vier Frauen und Familien vor, die deutlich machen sollen, auf welche Weise sich das Ringen um Leben in der Mitte unserer Gesellschaft zuzuspitzen vermag. Alle Fälle sind der Wirklichkeit entnommen, aber so verändert, dass die Betroffenen nicht wiedererkannt werden können.

Anna

Anna, heute 30 Jahre alt, hat mit 18 Jahren ihr erstes Kind bekommen. Sie war hübsch und ihr Mann Paul, von Beruf Busfahrer, himmelte sie an. Das gefiel ihr, denn Anerkennung und Bewunderung hatte sie im Elternhaus nie bekommen. Ihre Mutter hatte sie oft spüren lassen, dass sie nicht gewollt war. Anna schaut zunächst über die Tatsache hinweg, dass Paul zuviel trinkt und manchmal gewalttätig wird. Sie möchte einen Vater für ihr Kind - denn sie selbst hatte ihren Vater nie kennengelernt. Ein zweites Kind kommt auf die Welt. Beide Kinder kosten Anna viel Kraft. Der Ältere leidet an ADS, dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Er ist ein Zappelphilipp, als Folge davon schlecht in der Schule und er benötigt Therapien. Hinzu kommt, dass Paul arbeitslos wird, weil er unter Alkoholeinfluss einen Unfall verursacht hat. Anna fühlt sich von allem überfordert. Sie reagiert depressiv und denkt an Trennung. Dann bemerkt sie, dass sie ein drittes Mal schwanger ist. Ungewollt und ungeplant, eine Panne bei der Verhütung. Inzwischen hat Anna eine Halbtagsbeschäftigung gefunden. Sie befürchtet, dass sie diesen Job verliert, wenn sie die Schwangerschaft austrägt. Und sie fragt sich, wie sie den Alltag mit drei Kindern, einem arbeitslosen Alkoholiker als Mann und chronischem Geldmangel bewältigen soll.

Tanja

Tanja ist 26 Jahre alt und hat soeben ihre Ausbildung mit Auszeichnung abgeschlossen. Sie hat die Zusage ihrer Firma, in einigen Monaten in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen zu werden. Das bedeutet für sie: endlich auf eigenen Füßen stehen, selbst erarbeitetes Geld verdienen und dem Vater und den älteren Brüdern zeigen, dass das Nesthäkchen auch erfolgreich ist. Jetzt ist sie in der fünften Woche schwanger, ungeplant. Ihr Freund Roland, 36, weiß bereits davon. Sie liebt ihn, und vielleicht hätte sie unter glücklicheren Umständen eine Familie mit ihm gründen wollen. Aber Roland ist bereits verheiratet und hat zwei Kinder, 6 und 8 Jahre alt. Er und seine Frau gehen schon seit längerem getrennte Wege, aber jetzt sagt Roland, er wolle sich nicht von seiner Frau trennen. Die Kinder bräuchten ihn, solange sie klein sind, solange sie auf die Schule gehen..... So hatte Tanja sich das nicht vorgestellt. Ihr erstes Kind sollte in einer “richtigen” Familie zur Welt kommen. Aber wenn sie dieses Kind bekommt, hat es einen abwesenden Vater. “Dann bekomme es doch einfach nicht”, meint Roland.

Gundula

Gundula, 42, und Manfred, 45, haben drei Kinder und ihre Familienplanung bereits vor Jahren abgeschlossen. Sie kauften sich ein Häuschen im Grünen, weil ihre Wohnung für fünf Personen einfach nicht mehr ausreichte. Um die Schulden abzubezahlen, nahm Manfred einen Job als Monteur an. Viele Monate ist er seither unterwegs, in aller Herren Länder. Gundula möchte halbtags wieder arbeiten, um die angespannte finanzielle Situation etwas zu entspannen. Im Urlaub wird Gundula noch einmal schwanger - trotz Verhütung. Manfred ist gerade in Kasachstan und nicht zu erreichen, als die ärztliche Untersuchung ergibt: Gundula erwartet Zwillinge. Sie kann sich nicht vorstellen, in ihrem Alter mit der Kindererziehung noch einmal von vorne zu beginnen - schon gar nicht mit zwei Babies. Sie fühlt sich überfordert: vom Alltag mit drei pubertierenden Kindern, von der ständigen Abwesenheit ihres Mannes, von der Schwangerschaft....... Gundula möchte die Entscheidung für oder gegen die Zwillinge nicht alleine fällen. Aber Manfred ist der Meinung: “das musst du entscheiden”.

Ayshe

Ayshe ist 17 und in der 10. Woche schwanger. Spät erst hat sie ihre Schwangerschaft bemerkt, vielleicht hat sie es auch nicht wahrhaben wollen, dass sie ein Kind bekommt. Ein Kind wäre für ihre Eltern eine Katastrophe und ein Grund, Ayshe aus der Familie zu verstoßen. Ayshes Eltern sind bereits vor Jahren aus Anatolien nach Deutschland gekommen, haben jedoch nie die deutsche Sprache kennengelernt. Ihre Tochter aber kann fließend deutsch und hat einen passablen Schulabschluß, jedoch keinen Ausbildungsplatz. Ayshes Freund heißt Daniel. Er ist 18 und wohnt noch bei seiner Mutter. Die Eltern leben getrennt. Türkisch kann er überhaupt nicht, sein Schulabschluss war schlecht und einen Ausbildungsplatz hat er auch nicht. Dass er mit einer Türkin befreundet ist, gefällt seiner Mutter nicht. “Weißt du überhaupt, auf was du dich da einlässt? Die denken doch ganz anders als wir!” sagt sie oft. Kein Einkommen, keine eigene Wohnung, keine berufliche Perspektive. Wenn Ayshe sich für das Kind entscheidet, ist es eine Entscheidung gegen ihre Familie. Und vielleicht auch gegen Daniel. Denn er sagt: “Wovon sollen wir denn leben? Und heiraten - also Ayshe ehrlich, dafür fühle ich mich noch zu jung”.